VEB Werkzeugkombinat Schmalkalden (Stammbetrieb) und Montanwerke Walter Tübingen: Eine deutsch-deutsche Kooperation im Jahre 1989

Einleitung

Der vorliegende Bericht befasstsich mit der Vorbereitung und dem Inhalt einer zu Unrecht weitgehend in Vergessenheit geratenen Industriekooperation zwischen einem volkseigenen DDR-Kombinat und einem mittelständischen privaten Unternehmen in der Bundesrepublik Deutschland.

Der Bericht beruht sowohl auf Dokumenten als auch auf privaten Erinnerungen des Verfassers, der neben wenigen anderen Mitarbeitern des Werkzeugkombinats und der DDR-Außenhandelsorgane in die Aktivitäten dieser Industriekooperation einbezogen war. Wie in der DDR üblich, unterlagen alle Aktivitäten einer strengen Geheimhaltung sowohl im Kollegenkreis als auch gegenüber der DDR-Öffentlichkeit.

Die Grundlagen für diese Kooperation wurden bereits zu Beginn des Jahres 1989 gelegt, erstmals durfte die Presse der DDR nach einem Jahr, Anfang 1990 darüber berichten.

Eigentlich begann alles bereits Mitte der 80er Jahre, als die DDR-Führung gezwungen war, sich trotz einer immer rigider werdenden ideologischen Abschottung stärker mit stabilen Handelsbeziehungen und einer wachsenden Zusammenarbeit auf wissenschaftlich-technischem aber auch wirtschaftlichem Gebiet zwischen der DDR und der BRD zu befassen.

Insbesondere in den Reden von Erich Honecker, Generalsekretär des ZK der SED und Vorsitzender des Staatsrates der DDR, und Dr. Günter Mittag, dem DDR-Wirtschaftsexperten, vor den Vertretern der BRD-Wirtschaft am 09.09.1987 in Köln anlässlich des offiziellen Besuchs von Erich Honecker und seiner Begleitung in der BRD kommt diese Notwendigkeit engerer wirtschaftlicher Beziehungen deutlich zum Ausdruck. Zu dieser Begegnung, die auf Einladung des Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages, Otto Wolff von Amerongen, stattfand, mussten kurzfristig die Generaldirektoren aller DDR-Kombinate, so auch des Werkzeugkombinats Schmalkalden, anreisen.

Ebenso außerplanmäßig musste das DDR-Fernsehen davon berichten. Im offiziellen Leitartikel des “Neuen Deutschland”, dem Zentralorgan der SED, vom 16.09.1987 hieß es u.a.: “…Beide Seiten wollen diesen Weg zum gegenseitigen Nutzen und Vorteil fortsetzen, die Struktur des Handels weiter verbessern, modernste Technologien in den Handelsaustausch einbeziehen und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit neue Felder erschließen. …”

In der Folgezeit häuften sich die Besuche der Ministerpräsidenten der meisten westdeutschen Bundesländer in der DDR und die Gespräche mit Erich Honecker und Günter Mittag in Berlin, ebenso die Treffen der DDR-Staatsführung mit westdeutschen Konzern- und Firmenvertretern anlässlich der Leipziger Messen.

Die westdeutschen Vertreter aus Politik und Wirtschaft sahen ihren Vorteil darin, die DDR als Sprungbrett in den osteuropäischen Absatzmarkt für ihre Produkte zu benutzen.

Im folgenden Beitrag soll ein konkretes Beispiel einer solchen Industriekooperation West-Ost aus persönlicher Sicht dargestellt werden.

Vorgeschichte

Vom 23. – 25. Februar 1989 weilte der damalige Ministerpräsident des Bundeslandes Baden-Württemberg, Lothar Späth, in der DDR und traf während seines Aufenthaltes sowohl mit Erich Honecker als auch mit Günter Mittag zusammen.

In Vorbereitung dieses Besuches wurden alle Kombinate des Werkzeug- und Verarbeitungs-Maschinenbaus der DDR durch den zuständigen Minister, Dr. Rudi Georgi, angewiesen, Vorschläge für eine wirtschaftliche Kooperation mit baden-württembergischen Unternehmen Einzureichen. Durch eine vom Generaldirektor des Werkzeugkombinats Schmalkalden eingesetzte kleine strategische Arbeitsgruppe unter Leitung des damaligen Direktors für Koordinierung, der auch der Verfasser angehörte, wurden drei mit dem volkseigenen Außenhandelsbetrieb abgestimmte Vorschläge eingereicht, darunter ein Vorschlag zur Zusammenarbeit mit der Firma Montanwerke Walter, der Dr. Späth übergeben wurde.

In der abschließenden Pressekonferenz am 25. Februar 1989 betonte der Regierungssprechen von Baden-Württemberg, dass “… der Ministerpräsident dafür jegliche Unterstützung zugesagt habe …”. Darüber hinaus habe der Ministerpräsident mit den DDR-Repräsentanten auch den Ausbau der wissenschaftlich-technischen Zusammenarbeit beraten, wo auf der Grundlage des Abkommens von 1987 bereits zehn Projekte bei baden-württembergischen Instituten angesiedelt seien.

Der Vorschlag für die Kooperation zwischen dem Stammbetrieb des Werkzeugkombinates und Montanwerke Walter beruhte auf einer detaillierten Kenntnis der beiden Produktionsprogramme.

Grundlagen dafür waren neben dem Studium der internationalen Fachpresse das Symposium der Fa. Walter am 31.10.1985 in Ost- Berlin sowie die Dienstreise von Vertretern des Werkzeugkombinates im Mai 1988 nach Tübingen. Dazu kamen die gestiegenen Importforderungen von DDR-Kombinaten in Verbindung mit dem Import ganzer Ausrüstungen (z.B. im PKW-Programm).

Verhandlungen

Bereits wenige Tage nach dem Abschluss des Besuchs von Ministerpräsident Dr. Späth kam eine offizielle Einladung des Direktors des volkseigenen Außenhandelsbetriebes WMW-Export-Import an den Generaldirektor des Werkzeugkombinats Schmalkalden zu einem ersten Gespräch mit der Geschäftsleitung von Montanwerke Walter, Tübingen, in Berlin. Der Generaldirektor beauftragte den Direktor für Koordinierung des Kombinats, den Betriebsdirektor des Rationalisierungsbetriebes in Schmölln und mich mit der Wahrnehmung dieses Termins.

Nach einer internen Vorbesprechung im Außenhandelsbetrieb trafen wir in den Räumen des Außen- Handelsbetriebes am 28.02.1989 auf die Vertreter von Montanwerke Walter. Teilnehmer an dieser Beratung waren neben den Vertretern des Werkzeugkombinats u.a. der Vorsitzende der Geschäftsleitung von Montanwerke Walter, Herr Franco Mambretti, der Geschäftsführer Technik, Herr Dr. Icks, der Vertriebsleiter, Herr Schauder sowie der Generaldirektor des volkseigenen Außenhandelsbetriebes WMW-Export-Import, Dr. Jost Prescher, die stellvertretende Generaldirektorin und Leiterin des Bereiches Werkzeuge, Angelika Schulze, weitere leitende Mitarbeiter des Außenhandelsbetriebes sowie der Geschäftsführer des Außenhandelsbetriebes WAMAG, Eckard Haenel.

In der Beratung wurde das beiderseitige Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit zwischen AHB, Werkzeugkombinat Schmalkalden und Montanwerke Walter von allen Gesprächsteilnehmern betont. Montanwerke Walter war insbesondere an einer langfristigen (mind. zehn Jahre) Vereinbarung über die exklusive Lieferung von Walter-Werkzeugen in einem jährlichen Umfang von mindestens zehn Mio. Valutamark interessiert. Im Gegenzug erklärte sich Montanwerke Walter bereit, das Werkzeugkombinat Schmalkalden auf technischem Gebiet zu unterstützen bei der Modernisierung der Fertigung von Fräswerkzeugen und Werkzeugaufnahmen bis hin zur Fertigung von Walter-Werkzeugen in Schmalkalden (ggf. Lizenznahme für das modulare System NC-Tools von Walter).

Zum Abschluss der Beratung wurde vereinbart, sich in dem gleichen Kreis Anfang April 1989 in Tübingen zu weiteren Verhandlungen zu treffen. Diese Einladung von Montanwerke Walter wurde durch den Generaldirektor von WMW-Export-Import dankend angenommen.

Damit begannen auf der DDR-Seite die Probleme. Die Vertreter des Werkzeugkombinats waren zu diesem Zeitpunkt aus unterschiedlichsten Gründen keine Reisekader für das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet. Auf eine energische Intervention des Generaldirektors von WMW-Export-Import beim Generaldirektor des Werkzeugkombinats hin wurde dieses Problem innerhalb von vier Wochen geklärt. Während der Leipziger Frühjahrsmesse wurden am 15.03.1989 Einzelheiten des Gegenbesuchs sowie die Beratungsschwerpunkte festgelegt. Die Arbeitsrichtungen wurden bereits am 07.03.1989 durch den Staatssekretär im Ministerium für Werkzeug- und Verarbeitungsmaschinen,

Peter Krause, bestätigt. Die Finanzierung der durch die Kooperation anfallenden Aufwendungen sollten valutaseitig vom Ministerium für Außenhandel, Bereich Kommerzielle Koordinierung übernommen werden.

Den beiden Teilnehmern des Werkzeugkombinats wurde für die Fahrt nach Tübingen ein neuer PKW “Lada” mit einem “BRD-erprobten” Fahrer aus dem Bereich Absatz des Werkzeugkombinats zur Verfügung gestellt. Trotz Voranmeldung des Grenzübertritts erfolgte bei Wartha eine gründliche Kontrolle des Fahrzeugs durch die DDR-Grenzorgane.

Am 05.04.1989 trafen wir pünktlich in Tübingen ein. Wie die Phase der Vorbereitung unterlag auch diese Dienstreise der strengsten Geheimhaltung. So kam es, dass meine Mutter zur gleichen Zeit bei meiner Tante in Stuttgart zu Besuch war, d.h. knapp 30 km entfernt, ohne von meinem Aufenthalt in Tübingen zu wissen. Zu Beginn der Verhandlungen in Tübingen wurde durch den Generaldirektor WMW-Export-Import eine DDR-seitige Pressesperre bis zum endgültigen Vertragsabschluß festgelegt.

Die Betriebsbesichtigung war für mich die erste Begegnung mit einer modernen Fertigung. Besonders erinnere ich mich an den sauberen Kunststofffußboden in der mechanischen Fertigung und daran, dass der Geschäftsführer von Montanwerke Walter eine Zigarettenkippe vom Fußboden aufhob, sie demonstrativ hoch zeigte und dann in den Abfallbehälter entsorgte.

Neben rein technischen Gesprächen über die Fertigung von Wendeschneidplattenfräswerkzeugen, Werkzeugaufnahmen und Hartmetall-Wendeschneidplatten wurden erste Entwürfe eines Rahmenabkommens zwischen Montanwerke Walter und dem Außenhandelsbetrieb WMW-Export- Import über die Gestaltung langfristiger Importbeziehungen abgestimmt.

Mittlerweile waren auch schon den beteiligten Kombinaten durch den DDR-Ministerrat und die zuständigen Ministerien Festlegungen zu “Aufgaben bei der Gewährleistung von Ordnung, Disziplin und Sicherheit bei der Vorbereitung und Durchführung von Industrie- und Absatzkooperationen mit kapitalistischen Firmen” übergeben worden, die mit der Weisung Nr. 12/89 des Ministers für Werkzeug- und Verarbeitungsmaschinenbau vom 16.06.1989 konkretisiert wurden.

Vom 17.-19.05.1989 erfolgte der Gegenbesuch der Geschäftsleitung von Montanwerke Walter im Werkzeugkombinat Schmalkalden. Parallel dazu fand am 17.05.1989 im Ministerium für Außenhandel eine Beratung der involvierten Minister zum Stand der Industriekooperation mit baden-württembergischen Firmen unter der Leitung des Staatssekretärs, Alexander Schalck, statt.

Im Ergebnis der Beratungen in Schmalkalden wurde festgelegt, dass die Fa. Montanwerke Walter ab 1991 Werkzeugaufnahmen und Drehklemmhalter nach ISO-Norm vom Werkzeugkombinat beziehen würde. Im Gegenzug würde Walter den Aufbau eines Flexiblen Fertigungssystems für Fräsergrundkörper im Stammbetrieb auf Basis des realisierten Systems in Tübingen unterstützen. WMW-Export-Import würde für jährlich zehn Mio. Valutamark Werkzeugsysteme von Walter beziehen. Walter war bereit, dem Stammbetrieb gegen Zahlung einer einmaligen Pauschale eine Lizenz für Walter-NC-Tools-Werkzeuge zu vergeben und auf dieser Basis eine gemeinsame wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit hinsichtlich der konstruktiven Weiterentwicklung der Werkzeugschnittstelle aufzunehmen. Entwürfe der entsprechenden Vereinbarungen wurden beraten und ausgetauscht.

Durch den Minister für Werkzeug- und Verarbeitungsmaschinenbau, Dr. Rudi Georgi, wurden diese Aktivitäten am 24.05.1989 ausdrücklich bestätigt und festgelegt, in die weiteren Verhandlungen den Bereich Kommerzielle Koordinierung des DDR-Außenhandels einzubeziehen.

In einer Zwischenberatung am 30.06.1989 beim Außenhandelsbetrieb in Berlin wurde eine weitere Konsultation im Juli 1989 in Tübingen zur Erläuterung der Angebote der Fa. Montanwerke Walter festgelegt. Als besonders problematisch erschien die Beschaffung des für die Steuerung des Fertigungssystems notwendigen Leitrechners auf Grund geltender Embargo-Bestimmungen (COCOM-Liste).

Während der Beratung vom 11.- 14.07.1989 wurden umfangreiche technische Gespräche geführt und Einigkeit über den notwendigen Abschluss eines langfristigen Vertrages zwischen dem Werkzeugkombinat und Montanwerke Walter unter Einbeziehung des DDR-Außenhandels über die Übernahme des Technologiepaketes Novex-NC-Tools, die gemeinsame Vorbereitung eines flexiblen Fertigungssystems im Stammbetrieb auf Basis einer Vorstudie, einen langfristigen Liefervertrag über Basishalter und die wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit zwischen den Partnern.

Ein Höhepunkt unserer Beratungen in Tübingen war ohne Zweifel der Besuch des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart, dessen damaliger Instituts-Direktor, Prof. Warnecke, 1990 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft wurde. Seitens des IPA wurde Interesse bekundet, im Auftrag von Montanwerke Walter gemeinsam mit Vertretern des Werkzeug-Kombinats auf Vertragsbasis eine Vorstudie (gemeinsame Iststandsanalyse, Überprüfung und Neuerarbeitung von Fertigungstechnologien) zu erarbeiten. Wie bei jeder Dienstreise ins nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet musste auch diesmal jeder Reisende sofort nach Beendigung der Reise eine eigenständigen Sofortbericht anfertigen. Erst später erfolgte die gemeinsame Erarbeitung des Gesamt-Reiseberichtes und die Bestätigung durch den Generaldirektor.  

Anlässlich des Besuches der 8. Europäischen Werkzeugmaschinenausstellung vom 15.-20.09.1989 in Hannover wurden Einzelheiten des Rahmenvertrages zwischen Montanwerke Walter und dem AHB WMW-Export-Import beraten. Nach Bestätigung durch den Staatssekretär im Ministerium für Werk-zeug- und Verarbeitungsmaschinenbau erfolgte am 15.10.1989 im Haus der Wirtschaft Stuttgart im Beisein des Wirtschaftsministers des Landes Baden-Württemberg, Herrn Schaufler, und des DDR-Botschafters, Herrn Neubauer, die offizielle Unterzeichnung des Rahmenvertrages zum Aufbau einer Industriekooperation zwischen Montanwerke Walter, WMW-Export-Import Berlin und dem Werkzeugkombinat Schmalkalden. Parallel dazu verlief im gleichen Hause eine Präsentations-Veranstaltung der Akademie der Wissenschaften der DDR über praxisorientierte Problemlösungen für die Industrie, die von der Steinbeis-Stiftung für Wirtschaftsförderung Stuttgart organisiert wurde.

Unabhängig von der feierlichen Unterzeichnung des Rahmenvertrages (ich durfte mit einem weiteren Kollegen aus Schmalkalden mit der Bahn am Tag danach direkt nach Tübingen fahren) wurden vom 17.-19.10.1989 die Inhalte der im Rahmenvertrag bereits festgelegten Projektierungsvereinbarung im Beisein des IPA-Instituts weiter konkretisiert und der Zeitablauf für die Bearbeitung der Studie durch das IPA-Institut festgelegt. Ebenso wurde der zeitliche Ablauf für den Gegenbesuch von Walter in Schmalkalden abgestimmt.

Am 18.10.1989 erfuhren wir in Tübingen abends aus aktuellen Fernsehsendungen die Nachricht vom Rücktritt des DDR-Staatsratsvorsitzenden und SED-Generalsekretärs, Erich Honecker.

Am 31.10.1989 wurde durch den stellvertretenden Minister MWV u. a. die Finanzierung der valutaseitigen Aufwendungen aus der Industrievereinbarung Montanwerke Walter – Stammbetrieb Werkzeugkombinat durch das Ministerium festgelegt.

Während des Besuches von Fachleuten von Montanwerke Walter und des IPA-Instituts Stuttgart am 06. und 07.11.1989 in Schmalkalden fand neben der inhaltlichen Abstimmung des Projektierungsvertrages und des Lizenzvertrages eine Präsentation des flexiblen Fertigungssystems zur Produktion von Maschinenwerkzeugen durch die Vertreter von Montanwerke Walter und vom IPA-Institut Stuttgart an der Ingenieurschule Schmalkalden statt. Die ca. 40 Teilnehmer setzten sich zusammen aus Vertretern der Kombinatsleitung, der Leitung des Stammbetriebes, Spezialisten des Stammbetriebes und des Forschungszentrums der Werkzeugindustrie sowie Dozenten der Ingenieurschule.

Beim Gegenbesuch vom 11.12.-14.12.1989 erwartete uns in Tübingen eine nicht abgestimmte Überraschung. Aufnahmeteams des BRD-Fernsehens (ZDF, Südwestfunk und Süddeutscher Rundfunk) machten Filmaufnahmen und führten Interviews mit den Gesprächspartnern. Für uns und insbesondere den Direktor für Koordinierung des Werkzeugkombinates als Delegationsleiter war dies eine erste Berührung mit Vertretern einer freien Medienlandschaft.

Projektierungsvertrag und Lizenzvertrag wurden unterschriftsreif abgestimmt und ein Geheimhaltungsvertrag zwischen Walter und Werkzeugkombinat abgeschlossen. Die Unterzeichnung der entsprechenden Verträge wurde für den 16.01.1990 in Schmalkalden festgelegt, ebenso die Durchführung einer gemeinsamen Pressekonferenz in Schmalkalden.  

Der Projektierungs- und Know-how-Vertrag sowie der Lizenzvertrag wurden wie vorgesehen am 17.01.1990 durch den Generaldirektor der Werkzeugkombinats, Gerhard Lesser, und den Vorstands-vorsitzenden der Montanwerke Walter, Franco Mambretti, unterzeichnet. Nachträglich erfolgte noch die Unterschrift des WMW-Export-Import Berlin, der auch die Finanzierung der Studie und der Lizenznahme übernahm. Parallel zur Unterzeichnung fand am 16.01.1990 ein Pressegespräch mit führenden Vertretern des Werkzeugkombinates und der Montanwerke Walter sowie mit Vertretern des Südwestfunks Baden-Baden, der Südwestpresse, des Schwäbischen Tageblattes, von ADN Suhl, dem Freien Wort Suhl, Radio DDR, dem Fernsehen der DDR und der Betriebszeitung des Werkzeugkombinats, dem “Werkzeugmacher” statt. Im Vorfeld wurde dazu eine Presseinformation des Werkzeugkombinats erarbeitet. Im Anschluss an die Beratungen mit Montanwerke Walter nahmen die Spezialisten des IPA-Instituts und des Werkzeugkombinats unter Leitung des damaligen Technischen Direktors des Stammbetriebes ihre Arbeit an der Projektstudie auf. Grundlage dafür war die vom Generaldirektor bestätigte Aufgabenstellung des Stammbetriebes.

Auf der Grundlage der bisher abgeschlossenen vier Verträge wurde am 28.02.1990 eine weitere Vereinbarung über die Gestaltung der Zusammenarbeit zwischen dem Werkzeugkombinat – Stammbetrieb und den Montanwerken Walter Tübingen unterzeichnet, die unter anderem die Bildung einer gemeinsamen Vertriebsorganisation mit Sitz in Gera vorsah. Die Wichtigkeit der vereinbarten Arbeitsschritte und Termine unter den neuen Randbedingungen für den notwendigen Sortiments- und Strukturwandel und die damit verbundene Sicherung an Arbeitsplätzen wurde in dieser Vereinbarung ausdrücklich betont. Die gemeinsamen Arbeiten an der Vorstudie wurden am 01. und 02.03.1990 in Stuttgart fortgesetzt.

Vertragsgemäß am 30.03.1990 wurde seitens des IPA Stuttgart der Abschlußbericht zur Projektphase 1 “Planung einer flexiblen automatisierten Werkzeugfertigung im VEB Werkzeugkombinat Schmalkalden – Stammbetrieb” übergeben. Der Abschlußbericht umfasste 100 Seiten und 15 Seiten Anhang und wurde am 24.04.1990 in Schmalkalden erfolgreich präsentiert und seitens der Vertrags-Partner anerkannt. Hinsichtlich der vereinbarten Projektphase 2 sollten neue Verhandlungen bis 30.04.1990 abgeschlossen werden.

Am 15.05.1990 wurde zwischen der Walter AG Tübingen und dem Werkzeugkombinat Schmalkalden- Stammbetrieb – ein Vorvertrag zur Errichtung eines Gemeinschaftsunternehmens abgeschlossen. Dieser Vorvertrag betraf die Errichtung der Fa. Walter – Schmalkalden – Vertriebsgesellschaft mit beschränkter Haftung, die am 28.06.1990 in Gera gegründet und am 03.08.1990 unter der Nummer HRB 10-334 in das Handelsregister des Amtsgerichts Gera wurde. In der Folge wurden zwischen der neu gegründeten Firma und der Firma Walter sowie der Schmalkaldener Werkzeug GmbH (als Nachfolgerin des Stammbetriebes) Vertreter- und Mietverträge abgeschlossen .

Das 2. Halbjahr 1990 war gekennzeichnet von ständig neuen Problemen der Vertragsumsetzung, parallel zur Auflösung der DDR und Umstrukturierung der DDR-Wirtschaft. Der Außenhandelsbetrieb WMW-Export-Import als ein Vertragspartner löste sich ersatzlos auf, das ehemalige Handelsmonopol der DDR fiel weg, die Finanzierung der angefallenen Aufwendungen durch die weggefallenen staatlichen Institutionen war unklar. Am 14.12.1990 wurde der Schmalkaldener Werkzeug GmbH offiziell durch die Treuhandanstalt, Niederlassung Suhl, die Rechtsnachfolge des VEB Werkzeugkombinat Schmalkalden – Stammbetrieb, Werk 1 – übergeben einschließlich aller Rechte und Pflichten aus den Verträgen mit der Fa. Walter.

Im November 1990 informierte die Fa. Walter in einer Presseerklärung über das Ende der Kooperation mit Schmalkalden, da die wichtigsten Voraussetzungen für den Abschluss der Verträge (Importvertrag, Umsatzverluste des ehemaligen Werkzeugkombinats im Inland und in Osteuropa, Wegfall des staatlichen Außenhandels als dritter Vertragspartner und damit des Außenhandels-Monopols ) im Zuge der Wende in der DDR und der am 03.10.1990 vollzogenen Wiedervereinigung weggefallen waren.

Das Ende der so hoffnungsvoll begonnenen Industriekooperation zwischen dem baden-württembergischen Mittelständler Montanwerke Walter und dem DDR-Werkzeugkombinat wurde zwischen den Rechtsnachfolgern beider Seiten anlässlich einer außerordentlichen Gesellschafter-Versammlung der gemeinsamen Vertriebsgesellschaft am 24.01.1991 in Biebelried besiegelt. Im Ergebnis dieser Beratungen wurden alle Vertragsbeziehungen aufgehoben sowie die gemeinsame Vertriebsgesellschaft und deren vertragliche Beziehungen aufgelöst.

Trotz diese negativen Ausgangs wurde durch die Geschäftsleitung der Schmalkaldener Werkzeug-GmbH und die Treuhand-Niederlassung Suhl intensiv weitergearbeitet, um möglichst viele Arbeitsplätze in Schmalkalden zu erhalten. Bereits am 01.07.1990 wurde als Niederlassung der Sandvik Kosta GmbH Renningen das Werk Schmalkalden gegründet, das heute als Sandvik Tooling Supply Germany in Schmalkalden-Wernshausen mit über 200 Beschäftigten Werkzeugaufnahmen, Bohr-Werkzeuge und Sonderwerkzeuge produziert.

Ironie der Geschichte: Am 19.12.2001 erklärt das Bundeskartellamt den Kauf der Fa. Walter AG Tübingen durch den Sandvik-Konzern für rechtmäßig.  

Verträge

Zwischen den Montanwerken Walter, dem Werkzeugkombinat Schmalkalden und dessen Nachfolger, der Schmalkaldener Werkzeug GmbH, und dem Außenhandelsbetrieb WMW-Export-Import wurden 1989/1990 folgende Verträge geschlossen, die alle zum 31.12.1990 im beiderseitigem Einvernehmen außer Kraft gesetzt wurden, nachdem sie aus unterschiedlichsten Gründen gar nicht oder nur teilweise umgesetzt wurden:

  • Vertrag über die Gestaltung langfristiger Importbeziehungen vom 16.10.1989 zwischen Montanwerke Walter GmbH und VE AHB WMW-Export-Import
    Dieser Vertrag sah vor, dass WMW-Export-Import seinen Werkzeugbedarf für importierte Werkzeugmaschinensysteme exklusiv bei Montanwerke Walter decken wird.
  • Rahmenvertrag über die wissenschaftlich-technische-technologische Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Weiterentwicklung von Werkzeugsystemen vom 16.10.1989 zwischen Montan-werke Walter GmbH, Werkzeugkombinat Schmalkalden und WMW-Export-Import
    Dieser Vertrag sah u. a. als Folgeverträge einen Lizenz- sowie einen Projektierungsvertrag vor.
  • Lizenzvertrag vom 17.01.1990 zwischen Montanwerke Walter GmbH, Werkzeugkombinat Schmalkalden und WMW-Export-Import
    Dieser Vertrag sah die Erteilung einer nichtausschließlichen Lizenz von Walter an das Werkzeugkombinat über die Herstellung von Werkzeugen und Werkzeugaufnahmen mit der NC-Tools-Schnittstelle vor.
  • Projektierungs- und Know-how-Vertrag vom 17.01.1990 zwischen Montanwerke Walter GmbH, Werkzeugkombinat und WMW-Export-Import
    Dieser Vertrag umfasste die Ausarbeitung und Lieferung einer kompletten Studie für die Schaffung der technisch-technologischen Voraussetzungen zur Fertigung von Werkzeugsystemen und deren Komponenten im Werkzeugkombinat Schmalkalden – Stammbetrieb – sowie die Unterstützung bei der Realisierung. Als Unterauftragsnehmer für die Studie wurde das Fraunhofer-Institut IPA Stuttgart festgelegt.
  • Vereinbarung über die weitere Gestaltung der Zusammenarbeit vom 28.02.1990 zwischen Montanwerke Walter GmbH und dem Werkzeugkombinat
    Diese Vereinbarung sah neben der Fortführung der Zusammenarbeit u.a. die Bildung einer gemeinsamen Vertriebsgesellschaft vor.
  • Vorvertrag zur Errichtung eines Gemeinschaftsunternehmens vom 15.05.1990 zwischen Montanwerke Walter und Werkzeugkombinat Schmalkalden
  • Vertrag über die Errichtung einer GmbH vom 18.06.1990 zwischen Werkzeugkombinat Schmalkalden – Stammbetrieb und Walter AG
    Dieser Vertrag regelte die Gründung der gemeinsamen Walter-Schmalkalden Vertriebsgesellschaft mbH mit Sitz in Gera.

In der Folge wurden durch diese Vertriebsgesellschaft weitere Verträge abgeschlossen:

  • Vertretervertrag mit der Fa. Walter vom 01.07.1990
  • Vertretervertrag mit der Fa. Schmalkaldener Werkzeug GmbH  
  • Mietvertrag mit der Fa. Schmalkaldener Werkzeug GmbH

Nachdem der AHB-Export-Import 1990 aufgelöst wurde und die Schmalkaldener Werkzeug GmbH seit 16.12.1990 die offizielle Rechtsnachfolge des Werkzeugkombinat Schmalkalden -Stammbetrieb – Werk 1 übernommen hatte, wurden alle Verträge im beiderseitigen Einvernehmen im Vertrag vom 24.01.1991 rückwirkend aufgehoben.

Pressebegleitung

Wie schon beschrieben, stand die Vorbereitung der Industriekooperation Montanwerke Walter – Werkzeugkombinat von Beginn an unter strengster Geheimhaltung auf beiden Seiten.

Erst zur Unterzeichnung des Rahmenvertrages am 16.10.1989 in Stuttgart wurde eine mit der DDR-Seite abgestimmte Presseinformation von Montanwerke Walter für die westdeutsche Presse herausgegeben. Über die Unterzeichnung selbstund die Industriekooperation berichteten in der Folge zahlreiche lokale und überregionale Presseorgane der BRD und auch die Fachpresse der BRD.

Zu erwähnen sind hier zwei Veröffentlichungen im “Spiegel” Nr. 47/89 (https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13497817.html) und 49/89 (https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13496452.html), Meldungen in der “Welt”, der “Frankfurter Rundschau”, dem “Handelsblatt”, der “Südwestpresse”, dem “Industrieanzeiger”, der “Süddeutschen Zeitung”, der “Produktion” u. a. Ebenso berichtete das BRD-Fernsehen erstmals Ende 1989 von der Kooperation.  

DDR-seitig fand die erste Pressekonferenz unter Teilnahme von DDR-Journalisten am 16.01.1990 anlässlich der Unterzeichnung des Projektierungsvertrages in Schmalkalden statt. Zu diesem Ereignis wurde eine gemeinsame Presseinformation herausgegeben.

Die erste DDR-Veröffentlichung erfolgte im “Werkzeugmacher” 1/90, der Betriebszeitung des Stammbetriebes, auf Anfrage eines Arbeiters im Werkzeugkombinat Schmalkalden unter Berufung auf BRD-Presseveröffentlichungen Anfang 1990. Der Direktor für Koordinierung antwortete auf Fragen der Redaktion und die Presseinformation vom Oktober 1989 wurde nachgedruckt. Am 17.01.1990 erschien in Auswertung der Pressekonferenz am 16.01.1990 der erste Artikel in der lokalen Presse, dem “Freien Wort”. Über die Unterzeichnung des Projektierungs- und Lizenzvertrages am 17.01.1990 anlässlich des Besuches der Walter-Vertreter im Stammbetrieb berichtete der “Werkzeugmacher” in seiner Ausgabe 2/90 ausführlich, ebenso die Presse und das Fernsehen der DDR und der BRD.  

Die letzten Veröffentlichungen in der westdeutschen Presse erschienen Ende 1990/Anfang 1991 in Verbindung mit dem Ende der Kooperation.

Dr. Klaus Holland-Letz